1.10. Bonn: Diskussionsveranstaltung – AK: Kritik der Nation und des Nationalismus

Gegeninformation Bonn
Arbeitskreis: Kritik der Nation und des Nationalismus
Samstag, 1. Oktober 2011, 14.30 bis 18.00 im Oscar-Romero-Haus (Heerstrasse 205)

Nationalismus, das ist die Parteilichkeit für die Nation mit allem Drum und Dran. Bei einschlägigen Jubelveranstaltungen oder internationalen Sportwettkämpfen kann man inzwischen auch hierzulande beobachten – was von der Politik als erfreuliche „Normalisierung“ begrüßt wird –, wie sich schwarzrotgoldener Freudentaumel breit macht und sich Bürger und Bürgerinnen volksgemeinschaftlich-harmonisch in den Armen liegen – dieselben Leute übrigens, die sich in ihrem Alltag keineswegs immer vertragen. Da werden nationale Highlights oder Siege gefeiert, als ob sie mit der Verbesserung der Lebensqualität, mit Lohnerhöhungen, Mietpreissenkungen oder Urlaubsverlängerungen, verbunden wären.
Den Werktag des feiernden Volks tangieren solche nationalistischen Orgien nicht. Wenngleich patriotische Töne auch da immer und überall zu hören sind. Etwa wenn sich Menschen Fragen der folgenden Art vorlegen (lassen): “Wie kommen WIR aus der Krise heraus?”, “Müssen WIR uns von der EU und den Amis immer alles gefallen lassen?!”, “Wo müssen WIR auf der Welt Ordnung schaffen und UNSERE Interessen bzw. Freiheit verteidigen?” Oder wenn sie feststellen, dass UNSERE Bundeskanzlerin mal wieder durchregieren müsste, statt immer nur zu labern oder sich von anderen Mächten vor deren Karren spannen zu lassen; dass UNSERE Schulkinder nicht gut genug in der internationalen Konkurrenz abschneiden und sich die nobelpreiswürdige Intelligenz an anderen Standorten versammelt; dass bei UNS zu viele Ausländer leben, die nicht zu UNSERER Kultur passen und UNS ewig ausnützen statt sich gehörig benutzen zu lassen usw.
Als ob sie alle zum Beraterstab der herrschenden Politikerriege gehören würden, stellen sich Otto Normalverbraucher und Ottilie Normalverdienerin auf den Standpunkt des nationalen Erfolgs und messen alle internationalen Angelegenheiten daran, wie Deutschland dabei abschneidet. Dabei haben sie doch wirklich noch ein paar andere Sorgen. Und dass diese Sorgen um Geld und Gesundheit, Arbeitsbelastung und Steuern, Schulden und Preissteigerungen, Löhne und Arbeitszeiten, Lehrstellen, Examen und Jobsuche nicht weniger werden, wenn sie deutsche Erfolge beim Wachstum oder der internationalen Krisenbewältigung feiern, kann ihnen nun wirklich nicht entgehen.
Es fragt sich deshalb schon, wie es erwachsene Menschen fertig bringen, sich die Sache der Nation zu eigen zu machen. Zu denen, deren Amt es ist, sich an allen Fronten für deutsche Siege einzusetzen, zu den regierenden Berufspolitikern gehören sie mehrheitlich ja nicht. Im Gegenteil: Sie sind die Regierten, auf deren Kosten diese Erfolge erzielt werden. Nationale Begeisterung schließt ja nicht die Begeisterung über Kürzungen bei den Renten- und Arbeitslosenkassen, über ständig größer werdenden Steuer- und Abgabendruck, über die verschärfte Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt oder über Arbeitszeitverlängerungen bei gleichem Lohn ein. Der Nationalismus von unten gibt also schon erhebliche Rätsel auf. Es ist nämlich weder praktisch noch lebenstüchtig oder gar erfolgsorientiert, wenn ganz normale Landesbewohner parteilich für nationale Interessen eintreten. Warum tun sie es dann? Und warum bildet diese Parteilichkeit einen so festgefügten Bestandteil ihrer Einstellung zu allen Lebensumständen hierzulande?
Wem die nationale Feierlichkeit stinkt – ob sie nun bundespräsermäßig gestelzt oder als grölende Partystimmung daher kommt –, der muss sich eben schon auf eine Erklärung des Nationalismus einlassen: Was ist er, wie geht er, woher kommt er, welche Verlaufsformen nimmt er an, welche Funktion hat er und wie bekämpft man ihn? Und er muss die Sache der Nation kritisieren! Sie beflügelt ja die kapitalistischen Länder zu allerlei Großtaten, die schon seit langem nicht mehr feierlich sind.
Dazu will der Arbeitskreis Thesen vor- und zur Diskussion stellen. Unterlagen gibt es auf der Website www.gegeninformation.net und beim Büchertisch von Gegeninformation. Bei Bedarf kann die Diskussion zu einzelnen Fragen am Sonntag, dem 2.10., fortgesetzt werden.

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